Kerkrade (NL): Ab dem 22. September 2020 ist die Ausstellung (Re)Design Death im in Kerkrade um ein Ausstellungsstück reicher: einen „lebenden Sarg“ aus Myzel, entwickelt vom Studenten-Start-up „Loop“ der TU Delft. Der „Living Cocoon“ fördert die effiziente Kompostierung des Leichnams und baut Giftstoffe ab. Das Resultat ist ein nährstoffreicherer Boden, auf dem (neue) Bäume und Pflanzen gedeihen können. Nach ausgiebiger Forschung, unter anderem in Zusammenarbeit mit den zwei großen Bestattungsunternehmen CUVO (Den Haag) und De Laatste Eer (Delft), ist diese neue Bestattungsform nun praxisreif. Von der limitierten ersten Auflage von zehn “Living Cocoons“ wurde in der vergangenen Woche der erste bei einer Bestattung eingesetzt. Das Exemplar im Cube ist das erste, das ausgestellt wird. Die Besucher können den lebenden Sarg „füttern“ und so zum Wachstum des Waldes beitragen, der den Sarg umgibt. Die Ausstellung (Re)Design Death steht im Zeichen des Abschiednehmens, Sterbens, der Trauer und des Erinnerns und läuft noch bis einschließlich zum 24. Januar 2021, zugleich der letzte Öffnungstag des Cube design museums, das wegen Einsparungsmaßnahmen schließen muss. 

Myzel
Myzel wächst normalerweise unterirdisch in der komplexen Wurzelstruktur von Bäumen, Pflanzen und Pilzen. Es ist ein lebender Organismus, der zahlreiche Giftstoffe neutralisieren kann und alles ernährt, was überirdisch wächst. Bob Hendrikx, Gründer von Loop, nennt Myzel den Recycler der Natur: „Es ist ständig auf der Suche nach Abfallprodukten, um sie in Nährstoffe für die Umgebung umzuwandeln, sogar Giftstoffe wie Öl, Plastik und Metall. Myzel wurde beispielsweise in Tschernobyl eingesetzt, und in Rotterdam für die Sanierung von Erdboden. Auch manche Bauern verwenden es, um (wieder) gesunden Boden zu erhalten“.

Nachhaltig
„Der Living Cocoon lässt Menschen wieder eins mit der Natur werden. Sie können den Boden anreichern statt verunreinigen“, so Hendrikx. Wie schnell ein Leichnam sich zersetzt, hängt von verschiedenen Umständen ab, doch die Erfahrung lehrt, dass es manchmal länger als zehn Jahre dauert. Lackierte und metallene Teile eines Sarges sowie synthetische Kleidung bleiben noch länger erhalten. Loop erwartet, dass der neue Sarg für den gesamten Prozess nur zwei bis drei Jahre braucht, da er aktiv zur Kompostierung beiträgt. Dabei werden die Abfallstoffe des menschlichen Körpers in Nährstoffe umgesetzt und die Bodenqualität verbessert, sodass neues Leben gedeihen kann.

Weitere Tests
Praxistests von Ecovative in Amerika haben bereits gezeigt, dass der Sarg selbst bei normalen niederländischen Gegebenheiten innerhalb von 30 bis 45 Tagen von der Natur aufgenommen wird. Um die positiven Auswirkungen auf die Bodenqualität quantifizierbar zu machen, erforscht Loop gemeinsam mit Forschern vom Naturkundemuseum Naturalis in Leiden, inwiefern die Biodiversität durch diese Bestattungsart zunimmt. Hendrikx: „Wir möchten genau wissen, was der Beitrag zur Bodenqualität ist, damit wir in Zukunft Gemeinden noch besser davon überzeugen können, kontaminierte Gebiete in gesunde Wälder umzuwandeln, mit Leichen als Nährstoffen“.

Erste Bestattung
Das Start-up Loop hat ausführlich mit Bestattungsunternehmen über das neue Produkt gesprochen. Hendrikx: „Sie wissen, wie der Prozess der Bestattung in der Praxis abläuft, beraten Familien hinsichtlich ihrer Wahl, kennen die Abläufe auf Friedhöfen und auch alle logistischen Anforderungen beim Bestatten. Diese wertvollen Kenntnisse brachten sie in die Entwicklung ein. Frank Franse, Geschäftsführer von CUVO und De Laatste Eer: „Als regionales Bestattungsunternehmen finden wir es wichtig, an nachhaltiger Innovation mitzuarbeiten.“ Nach mehreren Tests ist die erste Auflage von zehn lebenden Särgen nun praxisreif. In der vergangenen Woche hat CUVO die erste Bestattung mit diesem Sarg durchführen dürfen. Hendrikx: „Es war ein sehr beeindruckender Moment, als nach monatelanger Entwicklung nun wirklich der erste Abschied auf diese besondere Weise erfolgen konnte“.