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Archivalie des Monats November 2017

Aachen: Das Aachener Stadtarchiv zeigt aus seinen Magazinen regelmäßig interessante Stücke als Archivalie des Monats. Die Archivalie mit einem kurzen Begleittext wird einen Monat lang in einem Schaukasten im Foyer des Stadtarchivs am Reichsweg sowie digital auf der Homepage des Archivs präsentiert. Die Archivalie des Monats November 2017 zeigt so die Bauakte des Hauses Alexanderstraße 109 von Albert Schneiders und Ludwig Mies (später Mies van der Rohe).

Ludwig Mies wurde 1886 in Aachen geboren, verließ seine Heimatstadt aber bereits im Jahr 1905 in Richtung Berlin. Über seine Aachener Lehrjahre ist wenig bekannt. Mit Hilfe einer Archivalie des Stadtarchivs Aachen haben die Architekten und Bauforscher Daniel Lohmann und Maike Scholz eine ausführliche Studie über diese Zeit und die späteren Beziehungen von Mies van der Rohe zu seiner Heimatstadt angefertigt.

Hinweise auf mehrere unbekannte Aachener Bauten von Mies

Zunächst entdeckten Scholz und Lohmann in einem Brief eines Aachener Freundes von Mies van der Rohe, der sich in seinem Nachlass in Washington findet, Hinweise auf mehrere unbekannte Aachener Bauten von Mies, von denen eines als „Haus Oeben mit dem Prometheus“ bezeichnet wird. Die Bauforscher identifizierten dieses Haus als die ehemalige Gaststätte „Zur Neuen Welt“ in der Alexanderstraße 109. Sie wurde 1904/05 vom Architekturbüro Albert Schneiders erbaut, bei dem der nur 19 Jahre junge Ludwig Mies damals unter anderem am berühmten Kaufhaus Tietz am Markt arbeitete. Im Unterschied zum „Tietz“ steht das Haus in der Alexanderstraße noch und beherbergt heute ein Tanzlokal und Mietwohnungen. Es war in der Nachkriegszeit in Aachen als das „Degraa am Hansemann“ bekannt und diente vor den beiden Weltkriegen als Gründungslokal und Treffpunkt der Aachener Sozialdemokratie.

Die über einhundertjährige Geschichte hat am Bauwerk ihre Spuren hinterlassen. Mit Hilfe von Plänen und Zeitungsausschnitten aus der Bauakte im Stadtarchiv ließ sich die ursprüngliche Gestalt des Hauses rekonstruieren. Anfangs war die Granitfassade des Hauses nicht nur durch den immer noch gut erkennbaren Schriftzug „Zur Neuen Welt“ über dem Eingang geschmückt, sondern auch durch einen im Krieg zerstörten hohen Schmuckgiebel mit der im Brief genannten Prometheus-Darstellung.

Mehr Befugnisse als die eines einfachen Lehrlings

Albert Schneiders ist eher für prunkvolle Stuckfassaden bekannt, von denen er viele im Frankenberger Viertel realisierte. Die schlichte und geradlinige Fassade des Hauses „Zur Neuen Welt“ hingegen zeigt Merkmale der beginnenden Sachlichkeit. Die Bauakte aus dem Stadtarchiv bietet hierfür eine interessante Erklärung: Darin fanden Scholz und Lohmann einen handschriftlichen Vermerk, in dem Ludwig Mies im April 1905 im Namen des sozialdemokratischen Bauherren Joseph Oeben die Behörden um Bauabnahme bat. Dies legte für Scholz und Lohmann den Schluss nahe, dass der junge Ludwig Mies beim Entwurf und Bau dieses Hauses maßgeblich beteiligt war. Sein Chef Albert Schneiders hatte ihm also offenbar deutlich mehr Befugnisse anvertraut als die eines einfachen Lehrlings.

Für die Baugeschichte ist dies ein außergewöhnlicher Fund, denn es konnte erstmals ein erhaltenes bauliches Zeugnis für die Lehrzeit von Ludwig Mies entdeckt werden. Kurz nach seiner Mitarbeit an diesem Aachener Haus begann in Berlin eine Karriere, die ihn zu einem der einflussreichsten Architekten des Zwanzigsten Jahrhunderts machen sollte.