Figur des Rabenbrunnens kommt aus dem 3D-Drucker

Aachen: Modernste Technik „made in Aachen“ macht einem alten Raben Flügel: Engelbert Chaumet vom städtischen Gebäudemanagement hat nun gemeinsam mit Prof. Leif Kobbelt, Leiter des Lehrstuhls für Informatik 8, und Hendrik Reinhold, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehr- und Forschungsgebiet Denkmalpflege und Historische Bauforschung ein gemeinsames Projekt vorgestellt, das wieder einmal die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Stadt und RWTH Aachen unter Beweis stellt.

Erste Idee beim „Geometry Lab“

Diesmal ging es um den alten Rabenbrunnen, der in seiner bisherigen Form seit 1956 an der Eupener Straße, am Rande des Aachener Stadtwaldes, steht. Genauer gesagt: Es ging um die Rabenplastik, die den Brunnen schmückt, und die Engelbert Chaumet seit Jahren zunehmend Sorgen bereitete. Denn der Zahn der Zeit und damit auch die Witterung haben sichtbar am Raben genagt. Das schwarz angemalte Eichenholz wurde an einigen Stellen bereits rissig. „Als ich dann vor etwa zwei Jahren im Ludwig Forum beim 3D-Festival ‚Geometry Lab‘ erleben konnte, in welch spannender und innovativer Art und Weise Kunst und Wissenschaft mittlerweile zusammenkommen, dachte ich mir: Das wäre doch auch etwas für unseren Rabenbrunnen“, berichtete Chaumet im Rahmen eines Pressegesprächs von der ersten Idee, den alten Eichenholz-Raben aus dem 3D-Drucker entstehen zu lassen. Schon damals im LuFo hieß einer der Hauptakteure RWTH-Informatiker Prof. Leif Kobbelt. Um die 3D-Daten für die Skulptur zu gewinnen, wandte sich Chaumet zudem an Prof. Christian Raabe und sein Team vom Lehr- und Forschungsgebiet Denkmalpflege und Historische Bauforschung. Diese hatten bereits zuvor das komplette Aachener Rathaus per Laserscan als 3D-Modell erfasst. Im Rahmen eines Studentenprojektes wurde nun auch der Rabe des Rabenbrunnens in dem aufwendigen Verfahren digitalisiert. Das digitale Modell konnte schließlich per 3D-Druck wieder als reales Objekt gedruckt werden.

Raus aus dem Labor

Prof. Christian Raabe: „Die Möglichkeiten der digitalen Erfassung und physischen Reproduktion sind in Bezug auf den Schutz unseres Kulturgutes noch nicht ganz ausgelotet und wir sind da zurzeit mit einigen Projekten unterwegs. Es ist ja gerade das Spannende, die weitestgehend unter Laborbedingungen gemachten Erfahrungen in Bau- und Restaurierungsprozesse zu übertragen, denn die Wirklichkeit hält sich ja leider nicht immer an unsere Theorien.“

Die Vorgehensweise an sich sei zwar mittlerweile nicht mehr ganz neu, betonten die Akteure, aber eröffnen sich mit den Jahren doch immer wieder neue Anwendungsgebiete – wie nun beim Rabenbrunnen.  Prof. Leif Kobbelt: „Obwohl wir unsere Algorithmen eigentlich für technische Problemstellungen entwickeln, freuen wir uns, wenn wir sie gelegentlich auch für nicht-technische Anwendungen einsetzen können.“ Projekte wie nun der Rabenbrunnen oder vor Jahren die Reproduktion der Supermarktlady im LuFo seien schöne Beispiele für das lebendige „Future Lab“ Aachen, so Kobbelt weiter. „Hier können wir in einem praktischen Fall sehen, wie wir die Wissenschaftsstadt verstehen und mit Leben füllen.“

Studierende setzen das Projekt um

Hendrik Reinhold erklärte das Verfahren im Detail: „Für den Raben haben wir das das so genannte SfM-Verfahren – ‚Structure from Motion‘-Verfahren – angewendet, bei dem ganz normale Fotos des Objekts aus unterschiedlichen Blickwinkeln gefertigt und später am Computer zu einem 3D-Modell zusammengerechnet werden. In der Regel sind wir hiermit in größeren Maßstäben unterwegs. Zuletzt haben wir Maya-Tempel in Mexiko mit diesem Verfahren dokumentiert. Eine Rabenskulptur mit all ihren Details für eine Eins-zu-Eins-Reproduktion im 3D-Drucker aufzunehmen, war auch für uns mal eine neue Erfahrung. Großer Dank gilt dabei auch unseren Studenten Oliver Schulz, Felix Meurer und Marc Schröter, die das Projekt mit herausragendem Einsatz ausgearbeitet haben.“

Für Engelbert Chaumet war das „Pilotprojekt Rabenbrunnen“ bereits jetzt eine lehrreiche Erfahrung. „Es ist faszinierend, wie detailgetreu heute mit hochmodernen technischen Verfahren solch alltagsnahe Probleme wie eine verwitterte Brunnenskulptur angepackt werden können“, so Chaumet. Man werde die – ebenso wie das Holzoriginal – in schwarz gehaltene Kunststoff-Skulptur des Rabens nun wieder am Brunnen montieren. „Dann beobachten wir: Wie verhält sich der Stoff über die nächsten Monate und Jahre? Wie kommt er mit der Witterung zurecht?“ Sollte sich das Verfahren bewähren, wäre es aus Sicht der Stadt auch bei anderen Plastiken und Skulpturen, die aufgrund der Witterung Schäden aufweisen, eine denkbare Option, sie durch 3D-Drucke dauerhaft zu sichern. „Ich habe die Zusammenarbeit mit den beiden RWTH-Instituten als fruchtbar und belebend erlebt“, sagte Chaumet. Die alte Eichenholz-Plastik des Rabens wandert zunächst einmal ins Depot des Centre Charlemagne – bis im Optimalfall ein geeigneter Platz für den „alten Raben“ gefunden worden ist, wo er geschützt vor der Witterung seinen Ruhestand genießen kann.

Weitere Infos:

Der Rabenbrunnen an der Eupener Straße ist ein Trinkbrunnen, auf dem ein aus Eichenholz geschnitzter Rabe sitzt. Der Brunnen ist bereits um 1906 erstmalig erwähnt worden. In seiner bisherigen Form ist er 1956 vom Aachener Bildhauer Matthias J. Corr geschaffen worden. Corr (1880-1962) ist Schöpfer zahlreicher Tierplastiken, Porträts und Grabdenkmäler. Neben dem Rabenbrunnen gehören auch der Flötenspieler (bis 2007 im Elisengarten, seit 2011 in Eilendorf) und das Ehrenmal im Marientum an der Ludwigsallee zu seinen Werken. Corr war ein Schüler von Richard Müller an der Kunstakademie in Dresden. Seine letzte Ruhestätte fand Matthias Corr auf dem Aachener Ostfriedhof.