„Notre Dame geht uns alle an“: Stadt lädt ein zur Solidaritätsaktion

Aachen: Als am Abend des 15. April 2019 die Bilder der brennenden Pariser Kathedrale Notre Dame um die Welt gingen, stockte vielen Menschen der Atem. Im Anschluss an die große Brandkatastrophe setzte nicht nur eine riesige Spendenbereitschaft ein, mehr und mehr rückten auch Fragen in den Fokus, die den generellen Umgang mit solch außergewöhnlichen Kulturdenkmälern behandeln. Aachen sieht sich, nicht zuletzt weil die Stadt mit dem Dom das erste deutsche UNESCO-Weltkulturerbe beheimatet, hier in einer besonderen Rolle. 

Die Stadt Aachen lädt daher gemeinsam mit zahlreichen renommierten Experten und Einrichtungen am Samstag, 1. Juni, zu einer großen Solidaritätsaktion in die Citykirche St. Nikolaus ein. „Wir wollen die Solidarität mit den Menschen in Frankreich und Paris ausdrücken und versuchen, fachliche Hilfen anzubieten. Wir, das sind Menschen, die beruflich täglich mit Kulturdenkmälern auf unterschiedlichste Weisen arbeiten“, sagte Aachens Stadtarchäologe Andreas Schaub bei der Vorstellung des Programms am 22. Mai.

Gemeinsam mit Dr. Angelika Ivens, Honorarkonsulin der Französischen Republik in Aachen, dem Aachener Dombaumeister Helmut Maintz und Professor Dr. Anke Naujokat vom Lehrstuhl für Architekturgeschichte der RWTH sprach Schaub über die Hintergründe und Notwendigkeit der Veranstaltung.

Sachlicher Gegenpunkt zu emotionaler Debatte

Die Idee zu einer Solidaritätsaktion war sehr schnell, schon in der Nacht des Brandes, geboren. Andreas Schaub war der erste, der Honorarkonsulin Dr. Angelika Ivens am 15. April seine Anteilnahme ausdrückte und direkt mit praktischen Vorschlägen an sie herantrat. „In kürzester Zeit hatte er eine ganze Gruppe von Experten gefunden, die sich solidarisch zeigten und Hilfestellung geben wollten. Daraus entstand die Idee einer Vortragsreihe“, sagte Ivens. Schaub ergänzte, dass es ihnen darum ging, „der doch sehr emotionalen Diskussion um Brand und Wiederaufbau einen Gegenpunkt zu setzen, aus Expertensicht einen sachlichen Beitrag zu leisten.“

Platz für Diskussion an passendem Ort

Das heißt ausdrücklich nicht, dass es sich bei der Aktion am 1. Juni um ein Expertenkolloquium mit langen Fachbeiträgen handelt, wie alle Initiatoren betonen. Schaub verspricht „spannende und informative Kurzvorträge von etwa 15 Minuten und viel Raum zur Diskussion zwischen den Experten, aber auch mit den interessierten Besuchern“. Auch der Ort der Veranstaltung ist mit Bedacht ausgewählt worden. In der Silvesternacht 2010 schlugen mehrere Feuerwerkskörper durch die Scheiben in den Altarraum von St. Nikolaus an der Großkölnstraße ein und zerstörten den prunkvollen Hochaltar sowie einen Großteil des Kirchengewölbes. Einer der Vorträge wird sich diesem Brand und der folgenden Restaurierung widmen und aufzeigen, was Brände in Kulturstätten anrichten können.

Aachener Kathedrale: Brandschutz im Dom

Dombaumeister Helmut Maintz, in den Tagen nach dem Brand der Kathedrale Notre Dame ein gefragter Interviewpartner im Hinblick auf Brandschutz von Kulturdenkmälern und der Situation des Aachener Doms, wird über das „Brand- und Kulturgutkonzept“ des Aachener Doms berichten. Bei der Vorstellung des Programms gab er bereits einen kleinen Einblick: „Der Aachener Dom hat ausschließlich Holzdachstühle. Die Gefahr ist also auch hier sehr groß. Wir können die Natur nicht beeinflussen, aber Vorkehrungen treffen. Seit 1929 haben wir eine entsprechende Lösch- und Sprinkleranlage im Dachstuhl des Doms, mit der Brände möglichst klein gehalten werden. Gleichzeitig muss das Gewölbe und der Innenraum vor Löschwasser geschützt werden. Das Kulturgutkonzept gibt vor, wann wir welche Kostbarkeiten wie zu schützen oder zu entfernen haben.“

Notre Dame: Zeit nehmen für den Wiederaufbau

Die Ungeduld in Frankreich sei verständlich, sagte Professor Dr. Anke Naujokat. Notre Dame müsse so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden, fordern derzeit viele Menschen in Paris. Naujokat aber plädiert für eine sorgfältige und nicht überhastete Erfassung der Schäden: „Man muss sensibel vorgehen, sich genau ansehen, was kaputt ist, welchen Schaden das Löschwasser angerichtet hat, was erhalten werden kann und was nicht.“ Die Wiederherstellung muss passieren, da sind sich alle Experten einig. Die Frage ist, wie. „Es gibt viele ikonische Entwürfe: klassische, zeitgenössische und futuristische. Die Entscheidung für oder gegen einen Entwurf muss aber fundierten Informationen beruhen, aus der Geschichte und der Materie der Kathedrale heraus. Auch hierfür sollte, ja muss man sich Zeit nehmen“, fordert Naujokat.

Auch Maintz warb dafür, sich im Falle der Pariser Kathedrale mit vorschnellen Schritten und Zeitplänen zurückzuhalten. „Es braucht zunächst eine vernünftige Schadensdokumentation. Im Moment ist es von außen noch sehr schwer zu beurteilen, wie ein Wiederaufbau aussehen kann und soll. Der Zeitplan der Restaurierung ist sehr knapp bemessen“, sagt Maintz.

Vielseitige Diskussion

Das Programm der Solidaritätskation verbindet Geschichte, Handwerk, Baugeschichte, Hochschule, Religion und Architektur und wird von Leuten gestaltet, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise beruflich mit Baudenkmälern und Kulturgütern zu tun haben. Von der Medienreaktion nach dem Brand über die Baugeschichte der Kathedrale, den Denkmalschutz bis hin zum Wiederaufbau: Die Aktion zeigt, wie vielseitig die Diskussion um den Brand vom 15. April ist. Sie zeigt aber auch die Verbundenheit in Deutschland und besonders in Aachen mit dem Schicksal der Pariser und den großen Willen, auf allen möglichen Wegen zu helfen.

Weitere Informationen:

Die Solidaritätsaktion „Notre Dame geht uns alle an“ findet am Samstag, 1. Juni, ab 15 Uhr in der Citykriche St. Nikolaus, an der Großkölnstraße statt. Ende der Veranstaltung ist gegen 18.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.